Gerade in herausfordernden und stressigen Zeiten ist der Wunsch nach Entspannung und Erholung groß – und natürlich auch mehr als legitim, wenn nicht „lebensnotwendig“.
Wenn wir dabei zu Hilfsmitteln greifen, die ganz allgemein als „Meditation“ bezeichnet werden, lohnt es sich, uns einiger „Umstände“ bewusst zu werden.
(Ganz davon abgesehen, sagt der Begriff „Meditation“ ja genau genommen wenig bis nichts darüber aus, was wir konkret tun – ähnlich wie Sätze wie „Ich mache Sport“ oder „Ich lebe gesund“. Aber das ist eine andere Geschichte.)
Was jedoch fast immer mitschwingt, ist eine Erwartung.
Die Meditation soll „gut“ sein. Ruhig. Entspannend. Vielleicht sogar besonders.
Und genau hier beginnt etwas sehr Alltägliches: wir bewerten.
Kaum sitzen wir, läuft innerlich schon der Kommentar mit:
„Das fühlt sich nicht tief genug an.“ „Letztes Mal war es besser.“
Wir vergleichen permanent – oft ohne es zu merken.
Angenehmes stufen wir als Erfolg ein, Unangenehmes als Störung.
Dieses Muster – Angenehmes vermehren, Unangenehmes vermeiden – ist zutiefst menschlich. Es durchzieht unseren Alltag und begleitet uns unbewusst auch in die Praxis.
Bleibt uns das verborgen, sind wir enttäuscht oder frustriert. Oder wir beginnen, nur noch bestimmten Zuständen hinterherzulaufen – Ruhe, Weite, Frieden, Entspannung – und blenden das Unruhige, das Widerständige, das Unklare innerlich aus.
An diesem Punkt beenden übrigens viele Menschen ihre Meditationspraxis und suchen nach etwas „erfolgsversprechenderem“.
Doch genau da setzt Achtsamkeit an. Nicht indem sie alles angenehm macht.
Sondern indem sie sichtbar macht, wie wir fortwährend einordnen, vergleichen, bewerten.
Achtsamkeit hilft uns zu erkennen:
Ah, da ist der Wunsch nach einem „guten“ Erlebnis.
Ah, da ist Widerstand gegen das, was gerade auftaucht.
Ah, da ist der Vergleich.
Allein dieses Erkennen verändert etwas. Es entsteht ein kleiner Abstand zwischen Erfahrung und automatischer Reaktion. Und vielleicht verschiebt sich damit auch der Fokus:
Nicht mehr „War es gut?“ sondern: „Was war da?“ und v.a.“Wie begegnete ich dem?“
Nicht mehr Optimierung. Sondern Begegnung.
Das Einzige, womit wir tatsächlich arbeiten können, ist dieser Moment – so wie er ist.
Eben auch mit Unruhe, Müdigkeit, Widerstand….
Achtsamkeit bedeutet nicht, dass alles schön wird.
Sondern dass wir erkennen, wie automatisch wir jegliche Erfahrung in schön oder nicht schön, angenehm oder unangenehm einteilen. Was übrigens auf die Dauer ganz schön stressig werden kann!
Und genau hier liegt der entscheidende Punkt:
Achtsamkeit ist keine rosa Brille und keine Technik, um sich die Welt schönzudenken
Keine Flucht vor dem, was gerade schwierig ist.
Im Gegenteil: sie lädt uns ein, wirklich da zu sein.
Nicht nur mit dem Angenehmen, sondern mit allem, was auftaucht:
Mit Zweifel. Mit Unruhe. Mit Enge. Mit Freude. Mit Klarheit.
Erst wenn wir aufhören, permanent zu sortieren, zu optimieren und innerlich Widerstand zu leisten, können wir uns zur Gänze diesem Moment hingeben.
Achtsamkeit heißt nicht, dass das Leben leicht wird.
Aber sie ermöglicht, dass wir es nicht länger einteilen in „so will ich es“ und „so darf es nicht sein“.
Die Haltung der Achtsamkeit begrüßt das Leben – nicht in einer idealisierten Version,
sondern so, wie es sich gerade zeigt.
Und vielleicht ist genau das die tiefere Ruhe, aus der echte Entspannung erwächst:
Nicht alles anders haben zu müssen – sondern dem Leben so zu begegnen, wie es gerade ist.